Hörstörungen durch Umwelt- und Freizeitlärm haben in den vergangenen Jahren vor allem bei Kindern und Jugendlichen in den für Lärm typischen Frequenzbereichen weiter zugenommen. „In neueren Studien konnte nachgewiesen werden, dass sich der Hörverlust im Hochfrequenzbereich bei Kindern und Jugendlichen in einem Zeitraum von 24 Jahren nahezu verdoppelt hat“, warnt Dr. Jan Löhler vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte. Zu den häufigsten Ursachen lärmbedingter Hörstörungen zählen Kinderspielzeuge, portable Musikabspielgeräte und Musikveranstaltungen. Ärzte und Wissenschaftler fordern strengere Grenzwerte zur Lärmvermeidung.

Da das Hörvermögen von erheblicher Bedeutung für den Menschen und seine soziale Interaktionsfähigkeit sei, müsse dem Faktor Lärmbelastung in der Diskussion über Umwelt-Gifte und ihre Bekämpfung eine besondere Bedeutung zukommen, fordert HNO-Arzt Löhler. Im Alltag der Menschen sei das Thema allerdings nicht ausreichend präsent. „Obwohl lärmbedingte Hörstörungen vermeidbar sind, ist das öffentliche Bewusstsein für lärmbedingte Störungen gering“, berichtet Löhler.

Beispiele für schädigenden Freizeitlärm im Alltag kennt Jan Löhler viele: „Kinderspielzeug ist ein Risikofaktor für Innenohrschädigungen im Säuglings- und Kleinkindalter. So produzieren Spielzeuge, die Knalleffekte erzeugen, schädigenden Impulslärm. Bei portablen Musikabspielgeräten werden Lärmpegel eingestellt, die bei Dauernutzung ein Risiko für lärmbedingte Hörstörungen darstellen. Dabei spielen neben MP3-Playern vor allem Smartphones eine Rolle. Live-Konzerte, besonders im Bereich von Rock- und Popmusik, stellen eine erhebliche Gefahr für die Entwicklung von dauerhaften Innenohrstörungen im Hochtonbereich und Tinnitus dar. Die Gefahr besteht vor allem dann, wenn sich Personen über mehrere Stunden in unmittelbarer Nähe von Hochleistungslautsprechern, vor
denen lärmschädigende Spitzenschallpegel über 137 dB (A) nachgewiesen werden können, aufhalten.“

Die Gefahr eines chronischen Hörverlustes durch Freizeitlärm müsse Eltern, Kindern und Jugendlichen deutlich vermittelt werden, mahnt der in Bad Bramstedt niedergelassene HNO-Mediziner: „Ein chronischer Hörverlust ist nicht mehr reversibel und kann mit der Entstehung von Ohrgeräuschen (Tinnitus) verbunden sein.“ Die Folgen dauerhafter Hörschädigungen reichen weit in die persönlichen Lebenswelten der Betroffenen hinein, warnt Löhler: „Hörstörungen mit Beeinträchtigung der Kommunikation können bei Kindern und Jugendlichen zu Problemen in der persönlichen und beruflichen Entwicklung, zu einer Störung der sozialen und persönlichen Beziehungen sowie zu einer Beeinträchtigung der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft führen.“

Um eine weitere Zunahme von Hörstörungen junger Menschen zu verhindern, müsse es schnellstmöglich darum gehen, bundeseinheitliche Grenzwerte durch Normen verbindlich zu regeln, fordert Löhler. Diese gebe es bislang in der Bundesrepublik nicht. „Aufgrund des Missstandes hat die Bundesärztekammer gemeinsam mit Experten aus der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde eine Empfehlung zur Lärmvermeidung erarbeitet.“ Darin werden bundeseinheitliche Regelungen vor allem in vier Bereichen gefordert:

  • Anerkennung von gehörschädigendem Lärm als schädigende „Noxe“
  • Kennzeichnungspflicht für lärminduzierende käufliche Artikel, insbesondere Kinderspielzeuge, sowie die Angabe von Spitzenschallpegeln für diese Artikel
  • Verpflichtende Aufklärung der Nutzer tragbarer Musikabspielgeräte über die Risiken von Lärm durch den Hersteller und Begrenzung der Lautstärken bei Musikabspielgeräten und Kopfhörern auf höchstens 80 Dezibel
  • Begrenzung der Dauerschallpegel auf maximal 95 dB (A) sowie der Spitzenschallpegel auf maximal 100 dB (A) bei Lärmbelastungen im öffentlichen Bereich (z. B. Musikveranstaltungen)

Kinder und Jugendliche seien besonders zu schützen, konstatiert Löhler. Dies gelte insbesondere für vermeidbare Hörschädigungen durch Freizeitlärm. „Die Ärzteschaft hat eindringlich auf die Gefahren durch Lärm in der Freizeit hingewiesen und ein Maßnahmenpaket erarbeitet. Es ist nun Aufgabe des Gesetzgebers, die Vorschläge als rechtsgültige Normen einzusetzen“, fordert Dr. Löhler.

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